Kasachstan parforce?

Es juckt in den Fingern

Es zieht uns in den Fingern. Den dritten Tag wollen wir nicht in Astrachan sitzen bleiben. Die Teams auf die wir warten wollten, haben sich andere Routen gesucht oder sind durch unvorhergesehene Pannen aufgehalten worden. Und langsam geht es auch ins Geld. Unsere Unterkunft schlägt mit ihrem guten Preis nicht so zu Buche, wie unsere doch sehr, man kann es nicht anders sagen, dekadente Art zu essen . Wir probieren alles von Schaschlik über Plov (Usbekisches Nationalheiligtum, also Reis mit Karotten, Fleisch, ewig gegart und mit einem heftig-geilen Knoblauchgeschmack) und mit Ei überbackenem Hackbällchen aus.

Wir starten in den frühen Morgenstunden in Richtung Russisch-Kasachische Grenze. Der Weg geht schnell, bis auf einen heftigen Unfall, dessen Überreste wir zu unserem Glück nur begutachten.

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Ein weiteres Highlight stellt die improvisierte Pontonbrücke über einen Fluss dar. Die Auf- und Abfahrt ist so steil, dass wir aufsetzen müssen. Und die Lenspumpen auf der Brücke laufen im Dauerbetrieb und halten das auf Wellen tanzende Konstrukt nur mit Müh und Not über der Wasseroberfläche.

Die russische Seite der Grenze passieren wir relativ ereignislos. Der Grenzer ist nett, nur wird Ric gefragt warum sein Pass so neu sei (Interessante Frage) und was ich in der Türkei zu suchen gehabt hätte (Urlaub) und was ich in der Ukraine gemacht hätte (Das wiederum verwundert mich sehr). Sei´s drum. Keine großen Spielchen und wir sind durch.

Welcome off Kasachstan

Ab zu den Kasachen über den Grenzfluss. Wir werden kurz kontrolliert und mit den freundlichen Worten „Welcome off Kasachstan!“ vom sehr jungen Grenzposten begrüßt (Sein Kollege korrigiert ihn grammatikalisch.) Und schon stehen wir in der eigentlichen Schlange auf der kasachischen Seite. Wir merken sofort. Der Kasache hupt aus verschiedenen Gründen, meistens sind diese undurchsichtig. Warten, wie immer bis zum eigentlichen Posten, dort wird der Fahrer von seinen Begleitern getrennt. Thomas muss also die Gepäckkontrolle allein durchstehen. Und ich verrate, dass er das wirklich bravourös meistert. In der Zwischenzeit werden Ric und ich streng in Augenschein genommen und unsere neue Migrationcard (Ein weißer Papierzettel, den wir wie in Russland bis zur Ausreise behalten müssen) wird gestempelt. Auf der anderen Seite erwehre ich mich den Avancen dubioser Geldwechsler und “Kebab“-Verkäufer. Alles sehr wild. Und wir sind froh wieder im Auto zu sitzen. Generell war es ein schneller Übertritt in das neunt größte Land der Welt. Wir liegen gut in der Zeit. Noch etwa 250 Kilometer bis zu unserem Tagesziel.

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Welcome offroad Kasachstan

Wir wurden an der Grenze von einem Deutschen, der ein „Projekt“ in Usbekistan betreut, gewarnt, dass die Straße bis Atyrau sehr schlecht sei. Okay, schlechter als vor Ismail in der Ukraine kann es ja nicht sein. Das ukrainische Street-Bootcamp hat uns hart werden lassen. Wir beschließen so weit wie möglich zu fahren.

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Das nächste Stück eine Straße zu nennen ist blanker Hohn. Aufgerissen, zerrissen, zerlaufen, weggebröckelt. Übersät mit Löchern von solcher Größe, dass selbst Kamaz-Fahrer langsamer fahren. Das ist neu. Und beunruhigt uns. Wir schleichen mit 10 Kilometern dahin und sehen die Locals immer wieder auf die neben der Straße liegende Sandpiste ausweichen und darüber hinwegschießen. Wir entscheiden uns dagegen ihnen zu folgen, auch wenn sie wunderbar glatt von fern aussieht. Aber allein im Dunkeln stecken bleiben? No, no, no.

Eine Stunde vor Einbruch der Nacht nehmen wir einen Feldweg ab der Straße und bauen unser Lager auf. Unser Mahl ist karg, aber ein paar Gitarrenklänge vertrösten uns. Der Himmel ist leider nicht klar und so bleibt uns in der ersten Nacht der Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung verwehrt.

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Der Gegenwind nimmt zu

Am nächsten Morgen wachen wir pünktlich zum Sonnenaufgang auf und strecken unsere steifen Glieder um vor der bevorstehenden Prüfung von 150 Kilometern Rotzstraße geschmeidig zu werden.

Und bis Atyrau bessert sich die Straße nur unwesentlich, immer wieder sind sehr gefährliche Aufrisse und Löcher zu finden. Die Spurrrillen in der Straße haben besondere Tücke, denn sie sind selbst bei bestem Licht nicht immer zu entdecken und ihre Tiefe lässt sich nicht einschätzen. Manche dieser Rillen haben eine Tiefe von 30 Zentimetern und würden unseren grandiosen Gustav von unten aufschlitzen wie ein Onkel Hubert die Weihnachtsgans. Zwei Worte: Schnell und mit einer wesentlichen Portion Hass.

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Nachmittags erreichen wir Atyrau und versorgen uns erst mit Geld und suchen uns dann ein Hotel. Festes Dach fetzt.

An der Tankstelle nachmittags um Vier aka An der alten Eiche bei Sonnenuntergang

Das Wifi im Hotel versorgt uns mit der Information, dass unsere geliebten Gunthers nur einen halben Tag hinter uns liegen. Und so entschließen wir uns zu warten. Kommunizieren einen Treffpunkt und stellen den Baleno ab.

Das Treffen funktioniert. Sogar besser als gedacht. Das Team Frank (seit Rumänien allein unterwegs) sieht unseren Karren und geht in die Eisen. Sie hinterlassen einen süßen Zettel auf der Windschutzscheibe, den wir finden. Wir warten auf die Beiden und in der Zwischenzeit treffen das Team Gunther und die Grenzgänger an der Tankstelle erschöpft, aber glücklich ob des Treffens ein. Die anderen Teams versorgen sich mit dem Nötigen (Wasser, Geld, Essen, Sprit, warmen Worten) und wir besprechen unsere nächsten Schritte.

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Schnell wird klar: Die Grenzgänger nehmen die nördliche Route über Oralsk bis nach Aktobe. Der Rest die Nordostroute direkt nach Aktobe, quer durch die Steppe. Unser indischer Hotelier hatte uns die Information von „So lala“-Straßen gegeben und 500 Kilometer Umweg scheinen ein zu großes Gegenargument.

In die Trockenheit

So bildet sich also das neue Traum-Emulgat aus Guntherkologen, Frankophilen und Karachniks. Am frühen Abend entscheiden wir uns für „Strecke machen“. Die ersten 100 Kilometer Richtung Nordosten sind gut ausgebaut.

Bei Einbruch der Nacht entscheiden wir uns auf einem schlechteren Stückchen zu kampieren und stellen in der äußerst trockenen Gegend, die immer mehr an ägyptische Wüste erinnert, eine Wagenburg auf. Der Wind zieht stark und wir spannen unsere Plane über das Camp zum Schutz vor Flugsand und Kälte. Darunter halten wir uns warm. Unsere unheilige Teamverbindung wird mit Wodka begossen. Und wir beobachten vor dem Einschlafen Skorpione, die durch unser Lager streifen… Ab jetzt klopfen wir unsere Schuhe immer erst einmal aus. In der Nacht kommt ein Schauer über uns und ich bin gezwungen die lose geschlagene Plane im Regen an den Autos zu fixieren. Aber kein Problem, denn ich weiß, dass ein trockenes warmes Zelt auf mich wartet 😉

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